Die Beletage: Seit 1906 das gesellschaftliche Herz des Hotels
Die Lobby Bar im Hotel International au Lac Lugano
Ein Hotel im Belle Époque-Stil bietet seinen Gästen Räume für Geselligkeit, Begegnung und Austausch. Im Jahr 1906 verfügt das Hotel International au Lac über einen Eingang im Erdgeschoss, von dem aus man über Treppe oder Aufzug den eleganten ersten Stock, die sogenannte Beletage, erreicht. Diese Anordnung trennt die Gäste von der Aussenwelt und verleiht ihnen ein Gefühl von Intimität und Geborgenheit, fast wie zu Hause.
Die Beletage ist ein Erbe der aristokratischen Gesellschaft des 17. und 18. Jahrhunderts, als sich im Erdgeschoss die Zugänge für Pferde und Kutschen, die Stallungen, Küchen und Keller befinden. Eine breite, mitunter doppelläufige Treppe führt in den ersten Stock, der von Strassenschmutz, Dienstboten und Überschwemmungsgefahr abgeschirmt ist.
Die Belle Époque-Hotels greifen dieses architektonische Konzept auf und bieten ihren Gästen die besten Zimmer oft im ersten Stock, dem piano nobile. Nach den ursprünglichen Plänen von 1906 wird der heutige Salon des Hotels als „Vestibül“ bezeichnet, ein Begriff aus dem Lateinischen, der „Vorraum hinter der Eingangstür“ bedeutet, also einen Durchgangsraum. Hier bieten neun Sitzgruppen aus Rattan mit zwei bis sechs Plätzen den Gästen die Möglichkeit, sich zu treffen oder in Ruhe zu sitzen, ein angenehmer Raum, wo man eine neue Garderobe präsentiert oder beim Tee beobachtet, wer das Hotel betritt und verlässt.
Bei der Eröffnung des Hotels im Frühjahr 1906 befindet sich an der Frontseite des Salons noch das Zimmer Nr. 9 mit Balkon und Seeblick. Die Wand, die es vom „Vestibül“ trennt, ist reich dekoriert, mit einem grossen gerahmten Spiegel, der so positioniert ist, dass er das Licht des gegenüberliegenden Kamins reflektiert. Einige Orientteppiche schmücken den Marmorboden und verleihen dem Raum eine warme, einladende Ambiance.
Im Februar 1929 heiratet die dreiundzwanzigjährige Alice Disler, Tochter des Hotelgründers, der Sohn aus einer Weinhändlerfamilie Otto Schmid. Die jungen Eheleute übernehmen sofort die Leitung des Hauses und beginnen mit einer Reihe von Renovationsarbeiten. Im Oktober 1930 wird das Eckzimmer mit Seeblick zugunsten einer Vergrösserung des Salons aufgegeben. Fotos aus jener Zeit zeigen einen mächtigen Eisenträger, angebracht durch das Fenster auf der Kirchenseite. Eine Holzwand dient als Trennelement und als Schutz vor Zugluft, die von der Lifttür hereinströmt.
Im April 1930 erwirbt man für den Salon einen grossen Orientteppich. Den Rechnungen jener Jahre zufolge kauft das Hotel ab 1931 im Geschäft Ullmann in Lugano zahlreiche Antiquitäten für die öffentlichen Räume und die Privatzimmer. Zu diesen Stücken gehört auch das vergoldete Sofa, das noch heute zum Platz nehmen einlädt.
Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1939 wird die Führung des Hotels schwieriger: Aus Briefwechseln geht hervor, dass der Eigentümer häufig zum Militärdienst eingezogen wird und seine Frau das Hotel während der Sommersaison gemeinsam mit dem Personal und dem kleinen Sohn alleine führt.
Im Januar 1943 folgt der Kauf der heutigen Saloneinrichtungen bei der Firma Willimann in Luzern, die im Laufe der Jahre mehrfach restauriert werden. Ihr ursprünglicher Stil bleibt dabei erhalten. Mit neuen Stoffbezügen heissen sie die Gäste des Hauses noch heute willkommen.
Die massiven, imposanten Möbel im Stil Louis XIII und Louis XIV gelten zwischen den beiden Weltkriegen und in den frühen fünfziger Jahren als moderne Ausprägung des Heimatstils, kurz bevor sie in den sechziger Jahren vom skandinavischen Minimalismus abgelöst werden. Grosszügige und bequeme Sessel und Sofas laden die Gäste im Salon auch heute noch ein, in eine Ambiance vergangener Zeiten einzutauchen.
Auf Initiative von Beatrice Schmid-Mollinet entsteht im Jahr 1999 im Salon ein Bartresen, der vom Ehepaar Roncoroni, Inhaber des gleichnamigen Einrichtungsunternehmens in Cantù, entworfen und gefertigt wird. Dank der zahlreichen Widmungen von Künstlern aus aller Welt, vor allem von Musikern des Blues-to-Bop-Festivals, erhält die Bar den Namen „Blues-Bar“. Harmonisch in das historische Ambiente integriert, bietet sie den Gästen einen neuen Ort der Geselligkeit.
Während der Covid-19-Pandemie in den Jahren 2020 und 2021 schliesst die Bar aufgrund der strengen behördlichen Auflagen zur Begrenzung von Menschenansammlungen und Kontakten. Stattdessen finden die Gäste hier ein kleines Selbstbedienungsangebot, das für den Konsum im Zimmer gedacht ist. Mit der Lockerung der Schutzmassnahmen kehrt das gesellschaftliche Leben in die Lobby zurück, und Roberto Schmid entwickelt, gestützt auf die positiven Rückmeldungen der Gäste, das Konzept der Honesty-Bar. Hier können sich die Gäste selbst bedienen und ihre Konsumationen eintragen, ganz im Zeichen des gegenseitigen Vertrauens.
Seit 2023 ist das Honesty-Bar-Konzept dauerhaft umgesetzt mit dem Tresen auf der Seeseite, so wie wir ihn heute kennen. Gleichzeitig wird der Salon mit hochwertigen Parkettfeldern aufgewertet und das gesamte Mobiliar restauriert und aufgefrischt. Dieser Raum bewahrt so seinen einladenden und eleganten Charakter und ist nach wie vor ein wichtiger Treffpunkt für die Hotelgäste, ganz im Geist von Tradition und Gastfreundschaft, die mit der Zeit geht.