Alle Wege führen ins Tessin
Historische Alpenrouten
Das Erreichen des Tessins bedeutete seit jeher, die Alpen zu überqueren und Pässe zu passieren, die über Jahrhunderte hinweg als Wege des Austauschs, des Handels und der Begegnung zwischen verschiedenen Kulturen dienten. Lange vor dem Bau moderner Infrastrukturen wurden diese Alpenpässe von Kaufleuten, Pilgern, Heeren und Reisenden genutzt und schufen grundlegende Verbindungen zwischen Nord- und Südeuropa.
Sankt-Gotthardpass
Der Sankt-Gotthardpass ist seit Jahrhunderten eine der wichtigsten Verkehrsachsen durch die Alpen. Bereits im Mittelalter diente er als strategische Verbindung zwischen Nordeuropa und den lombardischen Gebieten. Im 13. Jahrhundert ermöglichte der Bau der berühmten Teufelsbrücke in der Schöllenenschlucht einen regelmäßigeren Übergang. Hier, im Herzen der Schweizer Alpen, entspringen vier bedeutende Flüsse, die in unterschiedliche Richtungen fließen: die Reuss nach Norden, der Rhein nach Osten, der Ticino nach Süden und die Rhône nach Westen. Die historische Tremola-Straße mit ihren gepflasterten Kehren auf der Südseite zeugt noch heute von der Ingenieurskunst des 19. Jahrhunderts, vor der Eröffnung des Eisenbahntunnels.
San-Bernardino-Pass
Der San-Bernardino-Pass stellte lange Zeit eine wichtige Alternative zum Sankt-Gotthard dar, insbesondere in Phasen, in denen dieser nur schwer passierbar war. Bereits in römischer und mittelalterlicher Zeit wurde der Weg durch das Gebiet der heutigen Bündner Alpen genutzt, um das Rheingebiet mit der Poebene zu verbinden. Die spektakuläre Viamala-Schlucht, die über Jahrhunderte hinweg mit Brücken und kühnen Übergängen überwunden wurde, beeindruckte Reisende aller Epochen und galt als einer der anspruchsvollsten Abschnitte der gesamten Alpenroute.
Lukmanierpass
Der Lukmanierpass zählt zu den ältesten Alpenpässen der Schweiz. Schon in römischer Zeit begangen, entwickelte er sich im Mittelalter zu einer wichtigen Verbindung zwischen dem Kloster Disentis und dem Bleniotal. Die Abtei spielte über Jahrhunderte hinweg eine zentrale Rolle bei der Betreuung der Reisenden und der Instandhaltung des Weges. Der Pass diente vor allem dem Transport von Waren und Vieh und trug wesentlich zur wirtschaftlichen Entwicklung der verbundenen Täler bei.
Nufenenpass
Mit einer Höhe von über 2’400 Metern ist der Nufenenpass einer der höchsten befahrbaren Alpenpässe der Schweiz. Obwohl er erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts für den Verkehr geöffnet wurde, folgt er älteren alpinen Pfaden, die zuvor von Hirten und Händlern genutzt wurden. Seine historische Bedeutung als direkte Verbindung zwischen dem Wallis und dem Tessin ist vergleichsweise jung, spiegelt jedoch die Entwicklung der alpinen Infrastruktur in der Neuzeit wider.
Simplon und Centovalli
Der Simplonpass ist mit einem der berühmtesten Kapitel der Alpengeschichte verbunden: Im Jahr 1800 überschritt Napoleon Bonaparte mit seinen Truppen den Pass, um das österreichische Heer überraschend anzugreifen. Kurz darauf ließ er den Simplon zu einer fahrbaren Straße ausbauen und machte ihn damit zu einem der ersten modernen Alpenübergänge. Von hier aus führt der Weg weiter in die Centovalli, eine Region, die historisch von Auswanderung und grenzüberschreitenden Verbindungen geprägt ist, wo Eisenbahn und Straßen seit Jahrhunderten Tessiner und piemontesische Gemeinschaften miteinander verbinden.